Siegfried Räth – Geführt verbunden

1. Dezember 2020 – 28. Februar 2021

Siegfried Räths Bildwelten ereignen und entwickeln sich ganz direkt auf der Leinwand und ohne minutiöse Vorlagen. Ausgangspunkt ist immer eine figurative Idee oder auch ein Gegenstand, worum sich weitere Assoziationen gruppieren und Bildgestalt und Aussage verdichten. Malend erforscht Siegfried Räth (*1962 in Fulda, Atelier in Ginsheim) den Menschen und die Mechanik seines Daseins, die Beziehungsgeflechte, Lebensrituale, Prägungen und Zustände. Der Prozess der Bildfindung verläuft spontan und ist dennoch langwierig, bis das Werk für den Künstler formal und inhaltlich stimmig ist und Tiefe erreicht hat. Dabei verfügt Räth über eine farblich fein justierte, stilistisch weit gefächerte Bildsprache. Das gedankenvolle Ringen gepaart mit der Unmittelbarkeit künstlerischen Handelns ist für den Betrachter spürbar und zugleich kraftvoller Antrieb, das komplexe und oft rätselhafte Miteinander und Interagieren von Figuren, Architekturen und Objekten zu ergründen. Leicht ist dies nicht. Ambivalente Szenerien entziehen sich der eindeutigen Auflösung und Dechiffrierung, wirken oft irritierend, mitunter verstörend. Nur auf den ersten Blick erscheinen Handlungen sinnig und klar. Doch dann verraten kleine Details oder eine absurde Umgebung, dass das Gegenteil oder gar etwas völlig anderes gemeint sein könnte. Ein Spiegelbild des Lebens mit vielen Widersprüchen und Ungereimtheiten, nicht frei von Gewalt und doch voll schöner Momente! Vom Künstler spannungsreich geführt, bleibt der Betrachter den furios vorgetragenen Ergebnissen nachhaltig verbunden.

Geführt verbunden
von Dr. Elisabeth Heil, Kuratorin der Kunststation Kleinsassen


Siegfried Räth kann malen, künstlerische und handwerkliche Qualität stehen außer Frage. Er beherrscht die Anatomie der Körper und deren plastische Wiedergabe, er kann porträtieren, Landschaften ausbreiten und Räume perspektivisch inszenieren. Und er hat ein wundervolles Gespür für Farbigkeit, für satte Farben wie für gebrochene, fein nuancierte Farbtöne. Ja, er kann malen und tut es nicht im Sinne eines realistischen Kunstverständnisses, nicht im Sinne eines klar strukturierten Bildaufbaus, nicht im Sinne einer stringenten, linearen Erzählweise. Vielmehr steht der Betrachter überrascht mal vor hyperkomplexen Bildgefügen, mal vor piktogrammartigen Tafeln.

Siegfried Räths Bildwelten ereignen sich unmittelbar auf der Leinwand. Seine Bildgedanken nehmen oft von einem Motiv, sei es eine figurative Idee oder ein Gegenstand, ihren Ausgang. Dann entwickeln sie sich geradezu eigengesetzlich weiter. Neue Elemente kommen hinzu, verdichten Gefüge und Aussagen, überlagern sich. Was Räth nicht braucht, das sind fotografische Vorlagen, die viele seiner Künstlerkollegen heute statt Handskizzen zur Komposition verwenden und nur zu oft daran scheitern. Siegfried Räth führt Skizzenbücher, um manche erdachte Szene festzuhalten, zu prüfen. Aber es gibt keine akribischen Vorzeichnungen für ein komplexes Gemälde. Nie besteht die Gefahr des erstarrenden „Abmalens“, wogegen die Unmittelbarkeit und Spontaneität des Schaffens durchschlagen und die Aufmerksamkeit des Betrachters anziehen.

Was Siegfried Räth anbietet, ist tiefgründig, auch abgründig, irritiert und kann verstören, hat aber auch heitere Momente. Oft fügen sich in einem Bild Kindheitserinnerungen, Traumgesichte, Nachdenkliches über Menschen, Orte, Geschehnisse zusammen. Nicht alles ist für den Betrachter zu ergründen, nicht alles für ihn verständlich. Und doch wird er gebannt versuchen, alle Einzelheiten wahrzunehmen, mit kriminalistischem Spürsinn ihre Verbindungen zu suchen und alles Rätselhafte zu dechiffrieren – eine ebenso zeitintensive und schwierige wie spannende und lohnende Beschäftigung.

Die Bilder entstehen primär für den Künstler selbst, der sich beharrlich an verschiedensten Gemengelagen des Lebens, an Beziehungsgeflechten und Ritualen abarbeitet und dann den Betrachter nur als außenstehenden Zuschauer am Ergebnis teilhaben lässt. Denn nichts führt den Betrachter ins Bild hinein, kein Weg, kein Tor eröffnet ihm einen Zutritt. Das Bild bleibt eine Größe, eine Welt für sich. Für Räth muss das Bild als Bild „funktionieren“, die Arbeit daran ist beendet, wenn der Künstler es als fertig erklärt, wenn es formal und inhaltlich seinem Ansinnen entspricht, stimmig ist, Tiefe erreicht hat. Bis dahin wird verdichtet und gelegentlich auch wieder reduziert.

Lapidar wirken die Titel und sind doch so vielsagend: Mut, Herd, Hof, Umzug, Im Freien, Vertrauen. Was verbinden wir mit solchen Worten, welche Gedanken, welche Assoziationen rufen sie in uns hervor? So wie uns flirrend Unterschiedliches einfällt, so sind es die Reflexionen des Künstlers, die er auf der Leinwand in Szene setzt und puzzleartig ineinandergreifen lässt. „Mut“ – das sind Mutproben der Kindheit wie Spielen am Wasser und in dunklen Kanälen, wie Trampolinspringen und Hineinfliegen in die Welt oder wie die Kämpfe auf dem Fußballfeld. Mut – das ist Spaß wie Unbehagen an unbekannten Flugobjekten einschließlich der Fernsehwelt. Mut – das ist auch das Inkaufnehmen des Scheiterns, des ikarusgleichen Absturzes, des Abtauchens im Wasser. Und bei allen möglichen Gefahren gibt es auch eine Gewissheit, gehalten oder aufgefangen zu werden. Schwarze Hände umgreifen den knienden Knaben, sind weniger beängstigend als schützend. Und viele Momente entbehren glückselig einer Sinnhaftigkeit und werden ins Absonderliche und Kuriose gebrochen: Die faszinierend schöne Rhönlandschaft, in die der Junge hineinfliegen will, öffnet sich in merkwürdiger Umgebung als Ausblick. Oder ist sie selbst „nur“ Bild im Bild? Siegfried Räth liebt solche Ambivalenzen, reizt damit den Betrachter zu noch intensiverer Auseinandersetzung. Und dieser darf auch schmunzeln: Kann der Junge überhaupt wegspringen, wenn das Trampolintuch an seinen Füßen haften bleibt und sich zeltartig hochzieht? Oder soll und darf die Bindung an den Ort des Absprungs gar nicht reißen?

Siegfried Räths Gemälde scheinen voll von Metaphern. Doch sollte man vorsichtig sein, alles mit bedeutungsschweren Interpretationen zu überziehen. Die Bildtitel sind nicht der Ausgangspunkt der Arbeiten, auch nicht ein vorher festgelegtes intellektuelles Bildprogramm. „Mut“ als Titel ist eher die Summe einer komplexen Zusammenschau von erinnerten Begebenheiten, Reflexionen darüber, dem freien Lauf künstlerischer Phantasie und Gestaltungsreichtum. Bildbenennungen sind für Räth nicht der Anfang, sondern ergeben sich am Ende des Arbeitsprozesses. Auslöser für „Mut“ waren – man staune – die herabpurzelnden kleinen roten Torsi, zu denen sich das umgestülpte Einweckglas und all die anderen Szenerien anfügten. Dies für diesen Fall einmal zu wissen, verhilft dazu, auch das Treiben auf anderen Gemälden als lebendiges Geschehen zu begreifen und die Freude des Künstlers am geisteswitzigen Fabulieren zu entdecken. Nicht alle Bildelemente werden gleichmäßig ausgeformt. Neben kraftvoll modellierten Armen und Händen und markanten Köpfen, neben detailreichen Objekten und Faltenwürfen gibt es monochrome Flächen und Formen, meist grau oder schwarz. Andere Bildelemente sind wiederum nur in Umrisslinien und als Farbzeichnung angelegt. Das „Non-finito“ als künstlerische Entscheidung hat in der Kunst eine lange Tradition, doch greift die Erklärung für Räths Bilder zu kurz. Der Verzicht auf detailreiche und farbstarke Ausgestaltung stärkt oft diese monochromen oder zeichnerischen Bildelemente. Ja, sie werden dadurch zu den eigentlichen, besonders wichtigen Trägern der Bildgedanken. Gerade im Kontrast zur bunten, ausdifferenzierten Umgebung gewinnen sie an Kraft und Prägnanz.

Weit gefächert sind so die stilistischen und koloristi-schen Mittel, die Siegfried Räths Bildsprache auszeichnen. Insbesondere sticht sein Gefühl für Farben heraus. Welche Kraft entwickeln sie nicht nur in den großen, komplexen Gemälden, sondern auch auf den kleineren Tafeln, auf denen der Künstler vereinzelte Figuren und Objekte oder Szenen präsentiert. Gleiches gilt für die Papierarbeiten. Ein rotes Gummiboot, ein Vogelmensch auf einer Schaukel, ein Kleid auf dem Bügel, eine Chiffre für Haus und Bügeleisen … Alles ist hier gekonnt reduziert auf das Wesentliche, ja Wesenhafte des einen knappen Bildthemas. Manche Motive entstammen den Gemälden, andere kehren dorthin zurück. Nichts ist hyperrealistisches Abbild von etwas, sondern Element einer weitgespannten surrealen Welt, die dennoch nichts an Wirklichkeit eingebüßt hat.

Es gibt nicht die eine wahre, richtige Lesart dieser Bilder, vielleicht noch nicht einmal für den Künstler selbst. Denn viele Elemente entstammen dem Intuitiven, auch wenn sie danach klug und bedacht in das Bildgeschehen „eingebaut“ und ausgestaltet wurden. Unaussprechliches kann dabei über die Schattenfiguren und Farbzeichnungen transportiert werden, kann erfühlt werden, kann „ungeklärt“ eigene Aura und Dimension entfalten. Keine lineare Erzählweise erzwingt die schlüssige Syntax eines perspektivischen Raumkontinuums und umgekehrt. Eindeutigkeit gibt es nun einmal nicht im Leben der Menschen, Alleinsein wie Gemeinschaft können bedrücken und beglücken. Siegfried Räths Bilder – so surreal und rätselhaft wie wirklichkeitsnah – sind ein Spiegelbild unseres Daseins und Miteinanders, unserer Prägungen und unserer Handlungen mit allen Widersprüchen und Ungereimtheiten, nicht frei von Gewalt und doch voll schöner Momente. Vom Künstler spannungsreich geführt, bleibt der Betrachter den furios vorgetragenen Ergebnissen nachhaltig verbunden.