Ausstellung vom 06.09. bis 22.11.2026
In Malerei, Objekten, Installationen und Texten setzt sich die Münchner Künstlerin Reinhild Gerum mit dem auseinander, was das Leben in seiner Tiefe und in seinen Facetten ausmacht. In der Ausstellung zeigt sie vier Werkgruppen.
Die plastischen „Erdflügel“ segeln im Schwarm und hängen doch als Relief an der Wand. Durch die wie Farbe aufgetragene Erde sind sie eben erdenschwer. Die Flügel erzählen von der Sehnsucht, sich über alles zu erheben, des Fliegenkönnens, aber auch vom Hierbleiben-müssen auf der Erde. Schritt für Schritt werden kleine Papierstücke verklebt zu den Formen, die aus den Stimmungen des Tages entstehen. Integriert sind Quadrate, die mit ihrer Regelmäßigkeit eine Spannung aufbauen. „Das Quadrat, sagt die Künstlerin, steht für Ordnung, Struktur, Übersicht“. Sie braucht es, um in den amorphen Gebilden, einen Anker zu schaffen.
Der Zyklus „Standortbestimmung“ nahm seinen Anfang in der Situation des Erschreckens und der Verwirrung nach den Attentaten des 9/11. In dicke Schichten von Ölpastell über roter Grundierung kratzte die Künstlerin mit einer Klinge hinein und holte das Rot wieder hervor. Rot wird hier einerseits als Farbe der Aggression, des Feuers gesehen, aber auch als Farbe der Energie, die notwendig ist, um sich der Verzweiflung und Todesdüsternis entgegenzustellen. Eine Horizontlinie wird zum Anker und ordnet die Fläche in Farbfelder. Der Mensch braucht Energie und erschrickt im gleichen Aufblick, wenn sie entfesselt, zerstört, vernichtet. Um diesen Widerspruch bewegen sich die Standortbestimmungen. Das Rot bricht hervor, zieht an, wird aber durch die darüber liegenden Farben gemildert, gezähmt, geläutert.
Im Zyklus „Zentrierte Blicke“, der nach einschneidender, schwerer Krankheitentstand, führen kräftige Farben hinein in ein Zentrum.**Der Reichtum des Lebens, die Fülle der Farben umlagern einen Kern, der mehr oder weniger klar zu sehen ist. Das quadratische Format gibt den leuchtenden Farben Halt. Seine ordnende Kraft bändigt sowohl den Untergrund als auch die strahlenden Farben.
In installativen Raumarbeiten arbeitet Reinhild Gerum mit unterschiedlichen Medien. Immer sind Geschichten mit dabei. Die handschriftlichen Texte sind Informationsträger und zugleich bildnerisches Element. Erzählten sie bei vorherigen Projekten von schicksalhaften Einschlägen und Abgründen des Handelns, so entwickelt Reinhild Gerum für die Kunststation Kleinsassen nun das raumgreifende Leporello-Projekt „Ich hatte unfassbares Glück“. Ähnlich wie in Wallfahrtsorten, wo jeder sein Bild oder seinen Text ablegen darf, können die Besucher der Ausstellung ihre Geschichte aufschreiben, erzählen oder auch digital übermitteln. Jede Geschichte, die berichtet wird, wird ihren Platz in dieser großen Rauminstallation finden.
Reinhild Gerum, 1955 in München geboren, studierte zuerst Philosophie und Politische Wissenschaften an der LMU München, danach Malerei und im Aufbaustudium Kunst und Architektur an der Akademie der Bildenden Künste München. Seit 1983 ist sie freischaffend tätig – als Malerin und im Bereich der Kunsttherapie. Sie nahm Lehraufträge in Nürnberg, München und Sofia (Bulgarien) wahr. In Zeiten der Corona-Pandemie rief sie Kunstschaffende weltweit auf, sich mit dem strukturgebenden Alphabet zu beschäftigen. Ausgewählte Arbeiten dieses Projektes „Corona-Alphabet“ wurden auch in zwei Studioausstellungen 2020/21 in der Kunststation präsentiert. Reinhild Gerum lebt und arbeitet in München.



