Blickwechsel

Gemeinschaftsausstellung vom 11. Dezember 2022 – 26. Februar 2023

Wir sind Fremde, fast überall auf der Welt. Und doch sind wir in dieser einen Welt zuhause. Ortswechsel weiten die Räume des Erleb- und Erfahrbaren und vermögen den Blick zu schärfen – sowohl den Blick darauf, woher wir kommen, als auch darauf, wohin wir gelangt sind. Künstler*innen haben ihren eigenen Blick und ihre eigenen Möglichkeiten, sich mit diesen Lebenslagen auseinanderzusetzen und ihre Erkenntnisse zu vermitteln.

Die Kunststation Kleinsassen lädt zur Ausstellung „Blickwechsel“ Künstler*innen aus dem Nahen und Mittleren Osten ein, uns ihre Standpunkte in Malerei und Grafik, Skulptur und Keramik, Fotografie, Video und Installation zu offenbaren und auszubreiten. Sie sind zu unterschiedlichen Zeiten aus einem anderen, orientalisch und muslimisch geprägten Kulturkreis nach Deutschland gekommen und haben sich inzwischen hier eingelebt. Sie haben in Teheran, Damaskus oder Beirut Kunst studiert und tragen die reiche Tradition und die faszinierenden Eigenheiten dieser Kunst- und Kulturwelt in sich. Ein weiteres Kunststudium, die Kunsttätigkeit und das Leben in Deutschland brachten neue Erfahrungen. Manche sind allein des Studiums wegen nach Europa gekommen, andere haben Krieg, Gewalt und Flucht erlebt. Dass Traditionen, eigene Erfahrungen und bewertende, weit schweifende Blicke ineinanderfließen, zeichnet ihre Kunst aus. Manches Werk ist von der Sehnsucht nach der alten Heimat geprägt, andere klagen Missstände an. Mal sprühen die Farben vor Lebensfreude, mal zeigen sich Verlust und Angst. In jedem Fall gewähren uns die Künstler*innen neue anregende Sichtweisen – und dies auf Orient und Okzident gleichermaßen.

Sowohl die geometrisch angelegten skulpturalen und graphischen Arbeiten von Tareq Alghamian als auch die expressiven, weitgehend abstrakten Gemälde von Musafer Qassim spiegeln das äußerst bewegte Leben der Künstler und ihre Suche nach einer neuen Balance. Tamim Sibai erinnert sich an bestimmte Personen, aber im Malprozess gewinnen Farbwahl und -auftrag eine starke Eigendynamik. Nasrin Abu Baker kombiniert sehnsüchtig und in ungewöhnlicher Weise Werkstoffe, mit denen sie in ihrer Familie vertraut wurde. Die Schönheit der Frauen und ihre Stärke, sich auch unter widrigsten Umständen zu behaupten und zu entfalten, inszeniert Mojgan Razzaghi eindrucksvoll in ihren Fotografien. Mit Grenzen als Synonym für das Aufeinandertreffen von Strategien der Sicherheit und der Erfahrung von Unfreiheit setzt sich Sharon Paz in einer Videoprojektion auseinander. Die interessanten Kunstpositionen bieten viele Anregungen – auch zu einem Blickwechsel.

Text: Dr. Elisabeth Heil, Kuratorin