China Express (verschoben auf 2022)

07.03.2021 – 16.05.2021

Ausstellungsprojekt der Kunststation Kleinsassen in Kooperation mit der Galerie Migrant Bird Space, Berlin

China hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einer geopolitischen und wirtschaftlichen Weltmacht entwickelt. Zahllos sind die Handelskontakte mit Europa, zahllos auch die Partnerschaften wirtschaftlicher Zusammenarbeit deutscher und chinesischer Regionen, wie zum Beispiel zwischen dem Landkreis Fulda und der Provinz Liyang. Durch wirtschaftlich veranlasste und private Reisen in beiden Richtungen wächst auch langsam die Kenntnis voneinander. Seit dem wirtschaftlichen Aufschwung Chinas boomte auch der dortige Kunstmarkt. Aber was wissen wir in Europa schon über chinesische Künstler? Bekannt ist Ai Weiwei weithin durch seine unentwegte Medienpräsenz, ausgelöst durch Inhaftierung und weltweite Petitionen für seine Freilassung. Eine Flut von Ausstellungen im Westen folgte und dauert an. Aber auch andere chinesische Künstler haben Weltgeltung gewonnen, Cao Fei (*1978) gehört zu den jüngsten unter ihnen. Im Westen werden vorwiegend die Künstler wahrgenommen, die sich wie Ai Weiwei regimekritisch äußern und in ihren Werken offen gegen gesellschaftliche Missstände aufbegehren – kurz diejenigen, die immer Gefahr laufen, mit den Ordnungsmächten in Konflikt zu geraten und für die man aus dem Westen die Meinungsfreiheit einfordern muss. Es ist die etwas ältere Generation, die die Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 aktiv mitgetragen und das blutige Ende miterlebt hat. Es sind diejenigen, die heute als Schöpfer chinesischer Gegenwartskunst im Westen durch viele Ausstellungen herumgereicht werden – zweifellos großartige Künstler.

Doch was ist mit der jüngeren Generation danach, was ist mit den Künstlerinnen, die in den beiden letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts geboren wurden? Ihnen gilt das Ausstellungsprojekt „China Express“. Diese jungen Künstlerinnen zu fördern und in Deutschland, Europa und darüber hinaus bekannt zu machen, hat sich die Galerie Migrant Bird Space in Berlin zum Ziel gesetzt. Zahlreiche Kunsthochschulen in China unterrichten auf hohem Niveau in den Traditionen alter chinesischer Künste, v.a. in Tuschemalerei und Kalligraphie, aber auch in westlicher Kunst und vor allem in Photographie und Video. Konzeptkunst, Installationen, Performances gehören wesentlich dazu.

Diese junge Künstlergeneration ist hineingeboren in den digitalen Wandel in allen Lebensbereichen. Der Gebrauch von digitalen Medien, von Computer und Smartphone gehört ebenso selbstverständlich zu ihrem Leben wie der Umgang mit sozialen Medien und das freie Umherschweifen im mal weiteren, mal engeren Rahmen des in China Erlaubten und vor allem in den Grenzbereichen. Es ist keine Generation, die offen aufbegehrt, die aber alle Chancen, die sich ihr bieten, erkennt und ausnutzt. Und ihre Äußerungen sind durchaus nicht harmlos und unpolitisch, wenngleich die Interpretation tiefer greifen muss und nicht schnell parat ist.

Häufige Themen sind die eigene Individualität, der eigene Körper und seine Sprache, die Rolle der Frau, die Auseinandersetzung mit Familienwerten und -strukturen, die durch die tiefgreifenden Umwälzungen der Moderne auch in China ins Wanken geraten. Da diese Themen weltweit aktuell sind, erlauben die Darlegungen chinesischer Künstler*innen einerseits Einblicke in eine ferne Welt und andererseits bringen sie diese uns – und vor allem auch einem jüngeren Besucherkreis – über vergleichbare Situationen sehr nahe.

Lu Yang, die bereits als neuer Star der chinesischen Kunstszene gefeiert wird, erschafft ganz neue Welten aus Anime-Figuren, ihrem eigenen Klon aus dem 3D-Drucker, Superhelden und Götterfiguren in farbflutenden, temporeichen und soundstarken Videos und hinterfragt dabei alle kulturellen, wissenschaftlichen und religiösen Traditionen mit der ganzen Bandbreite emotionaler bis exorzistischer Einflussnahmen auf unser Denken und Handeln.
Dagegen hat Zhe Wang in einem preisgekrönten, beeindruckenden Video den stereotyp ablaufenden Alltag der Eltern veranschaulicht. Yafei Qi, die das Auswärtige Amt in Berlin 2019 als Artist in Residence aufnahm, schildert ihre Auseinandersetzungen mit ihren Eltern. Und Luo Yang, die schon Ai Weiwei an seiner Groninger Ausstellung Fuck Off teilhaben ließ, offenbart eine melancholische, mal gelangweilte, mal selbstbewusste neue Generation junger Frauen zwischen Jugend und Erwachsensein. Konzept- und Performancekünstler reagieren mit ihren Aktionen und Videos auf erschütternde Ereignisse und die Verhaltensweisen danach (zum Beispiel Chen Chenchen in „The Mercy of not Killing“ auf einen Mehrfachmord in einem Studentenheim ohne erkennbares Mordmotiv).

Das Ausstellungsprojekt verspricht einen vielseitigen, frischen Einblick in das aktuelle Schaffen der jüngsten Künstlergeneration Chinas und damit in ihre ebenso aktuelle Lebenswelt. Verschiedene Kunstgenres und verschiedene Interpretationsansätze werden dabei berücksichtigt. Beteiligt sind unter anderen Yu Linhan, Luo Yang, Chen Chenchen, Yafei Qi, Lu Yang, Lin Kun Hao, Zhe Wang, Liu Di, Shang Liang, Lin Zhipeng, You Gu, Song Kun, Silin Liu, Huang Zeijan, Chen Hai Shu. Yu Linhan wird während der Ausstellungszeit nach Kleinsassen kommen und vor Publikum ein wandgroßes Kunstwerk schaffen.

Das Ausstellungsprojekt „China Express“, das die Berliner Galerie Migrant Bird Space verfolgt, wird in der Kunststation Kleinsassen zum ersten Mal realisiert und soll danach in anderen Städten Europas wiederholt werden. Die Kunststation Kleinsassen wird so wieder einmal zum Ausgangspunkt eines länderübergreifenden Vorhabens.